Quernstkirche

Die Quernstkapelle heute - mitten im Nationalpark

Ehemaliger Aussichtsturm auf der Quernst

 

Förderverein "Freunde der Quernst" -->

 

 

Das Glockenspiel der Quernst als Audiodatei - Glocke der Quernst

 

Lied "Die Kapelle" als Audiodatei - Die Kapelle

 

 

Die Geschichte der Quernstkirche

Ein Stück Kirchengeschichte unserer Heimatlage:

Der alte, direkte Verbindungsweg von Altenlotheim nach Frebershausen führt zwischen der Anhöhe 'Quernst' und dem 'Pfaffenwald' ganz nahe an der Ruine der Quernstkirche vorbei.

 

Wenn der Wanderer gut die Hälfte der immer allmählich ansteigenden Strecke zurücklegt, und den vom Feriendorf Frankenau zur Banfe führenden Weg überquert hat, wird er durch ein Hinweisschild auf die Überreste der einst so bedeutenden Kirche, links vom Wege, aufmerksam gemacht.

Gut hundertjährige mächtige Fichten wurzelten – jetzt durch eine Sturm umgeknickt - in den Trümmerhügeln der Kirche und auf den Gräbern des alten Friedhofs um die Kirche, dessen Umfassungsmauer noch zu erkennen, aber nur noch auf der Westseite deutlich als Mauer erhalten ist.

 

Wir befinden uns hier auf etwa 535 Meter über N.N.! Von den Türmen dieser Höhenkirche muß man früher einen weiten Rundblick, besonders aber nach Westen, zu den Uplandbergen hin, gehabt haben. In der Nacht vom 25. zum 26. Januar 1990 fegte ein Orkan den größten Teil der Fichten um. Wie durch ein Wunder blieb die erst im Herbst 1989 errichtete Schutz und Informationshütte verschont.

 

Nun sollen auf dem Kirchen- und Friedhofsgelände Buchen und Eichen als Solitärbäume angepflanzt werden. So wird dort später einmal ein parkartiger Wald, ähnlich dem "heiligen Hain der Germanen", entstehen.

 

Trotz vieler Nachforschungen bleibt vieles im Dunkeln:

Über die Quernstkirche haben viele Heimatforscher nachgedacht und geschrieben. So finden wir bereits 1887 in der Frankenberger Zeitung einen Artikel über diese alte Kirche. Der nicht genannte Verfasser, er signiert seinen Beitrag mit S., bezieht sich darin auf den 'bedeutenden oberhessischen Heimatforscher' Pfarrer Kolbe. Aber auch die örtlichen Chroniken berichten von der Quernstkirche.

 

Da ist der Kirchlotheimer Pfarrer Neumann, der in seinem Pfarrsalbuch um das Jahr 1720 viele Nachrichten 'zum Nutzen für seine Amtsnachfolger' aufgeschrieben hat. Er berichtet von den 'Rudera' (=Überresten) der 'Quernstern- oder vermutlich St. Quirinuskirche' und nennt sie eine berühmte Kirche.

 

Als der Kirchlotheimer Pfarrer Bingmann 1862 bis 1864 die Grundlagen zur Kirchenchronik erarbeitet, widmet er der Quernstkirche ein größeres Kapitel. Neben den örtlichen Quellen konnte er auf die Regesten (Urkundenverzeichnis) von Pfarrer Scriba zurückgreifen.

 

Vermutlich kannte er auch schon das 1858 erschienene Buch des Archivrats Georg Landau über die wüsten Ortschaften in Kurhessen und im Ittergau. Die von Pfr. Bingmann zitierten alten Quellen ergänzt er durch eigene Beobachtungen, die er an Ort und Stelle machte. Leider spricht er nur pauschal von der Kirchenruine, ohne genauere Angaben darüber zu machen. Doch er sah noch die Grabhügel auf dem Friedhof und einen ‚Leichenstein in der Mauer, dessen Inschrift noch nicht entziffert ist.’

 

Die ersten umfassenden Angaben über die Quernstkirche macht der Frankenauer, später in Battenberg lebende, Arzt und Heimatforscher Dr. Gätjen in seiner Arbeit: "Historische Nachrichten über die Stadt Frankenau" ("Meine Heimat" 1933, ersch. Bei Franz Kahm, Frankenberg und in "Hessenland" 1911, S.215).

 

Recht umfassend wird die Quernstkirche auch in Reimers Historischem Ortslexikon für Kurhessen dargestellt. Alle späteren Veröffentlichungen beziehen sich im wesentlichen auf die vorgenannten.

 

Leider vermißt man in allen Darstellungen eine genauere Befundbeschreibung der Kirchenruine, aus der man Rückschlüsse auf die Ausmaße und das Aussehen der Quernstkirche ziehen könnte. Solches wäre sicherlich 1720 und auch 1864 noch gut möglich gewesen, vielleicht auch um 1900 noch. Denn nach der Angabe des Frankenberger Bürgermeisters Dertz sah er um das Jahr 1890 noch die Mauerreste der beiden Kirchtürme sechs Meter hoch aufragen. Auch alte Männer von Altenlotheim wußten auf meine Frage noch von "verschieden" hohen Mauern zu berichten.

 

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich versuchen, das Thema Quernstkirche möglichst umfassend darzustellen und durch einen Befundbericht zu ergänzen. Deshalb habe ich am 27. 11. 1987 die Kirchenruine und die Friedhofsmauer aufgemessen und darüber eine Lageskizze angefertigt. Auch andere Höhenkirchen unserer Heimat sollen mitbehandelt werden.

 

Befundbericht Die Friedhofsmauer

Von dem oben genannten Fahrwege aus kommt man zunächst an die Südmauer des Friedhofs. Diese ist auf der ganzen Länge von 50 Metern deutlich als Wall sichtbar. Stellenweise, besonders aber nach Westen zu, liegen die Fundamentsteine, schwere, bis zu einem Meter lange Quadersteine, in sichtbarem Mauerverband. Es ist nicht etwa eine Trockenmauer. Die Steine werden von einem Kalkmörtel zusammengehalten. Als Mauersand wurde der überall um die Quernstkirche vorkommende, aus der Verwitterung eines Konglomeratgesteines entstandene Kies verwendet. Aus den mächtigen Steinen, auch hier sind es zumeist Konglomerate, läßt sich auf eine gehörige Dicke der Friedhofsmauer schließen. Daraus leite ich wohl zu Recht her, daß die Mauer sicherlich auch eine entsprechende Höhe hatte. Sie wird also nicht nur eine bloße Abgrenzung des Friedhofs gewesen sein, sondern hatte vielleicht auch eine gewisse Schutzfunktion.

 

An der Südostecke schließt sich die Ostmauer im rechten Winkel an die beschriebene Südmauer an. Sie ist 42 m lang und nur kaum aufragend. Ihren Verlauf kann man aber anhand sichtbarer, schwerer Fundamentsteine deutlich erkennen. Durch Holzrückarbeiten sind sie z.T. freigelegt.

Während die Süd und die Ostmauer gerade verlaufen, schwingt die Nordmauer des Friedhofs hinter der Kirche her in einem flachen Bogen etwas nach innen. Sie ist weniger durch Mauerreste, als vielmehr durch einen stärker nach außen abfallenden Wall zu erkennen. Ihre Länge kommt auf etwa 48 Meter. Sie geht in einem Bogen in die Westmauer über, die, bei einer Länge von 26 Metern, ebenfalls in einem Bogen in die Südmauer übergeht. Im Herbst 1989 wurde ein Teilstück dieser Mauer durch die Initiative des Frankenauer Verkehrsvereins freigelegt und erneuert.

Diese Westmauer ist der auffälligste Teil der Friedhofsmauer. Hier ist streckenweise die Mauer noch erhalten, ragt bis etwa eineinhalb Meter auf, und auch der 'blindeste' Wanderer wird hier auf die Kirchenruine aufmerksam und neugierig auf ihre Geschichte. Das leicht von West nach Ost ansteigende Friedhofsgelände wird also von einer 166 Meter langen Mauer umschlossen und mag etwa 2000 Quadratmeter groß sein. Grabhügel fielen mir nicht auf.

 

Die Kirchenruine

Von dem Kirchengebäude sind heute keine Mauern mehr sichtbar und es ist deshalb schon fast übertrieben, wenn man von einer Ruine spricht. Doch auch die Schuttwälle können uns Aufschlüsse geben. Eindeutige Auskunft könnte man allerdings nur durch eine Grabung erhalten.

 

Wie wir noch sehen werden, ist die Kirche sicherlich nicht vorsätzlich zerstört, sondern nach einem normalen Zerfall als Steinbruch genutzt worden. Dabei wird man die Mauern von oben herab abgetragen haben. Die für den Hausbau geeigneten Steine hat man abgefahren, Mörtel und kleinere Steine fielen nach außen und innen. In dem Maße wie die Mauer abgetragen wurde, wuchs die Schutthalde, bis man schließlich die begehrten Mauersteine mühsam aus dem Schutt buddeln mußte.

 

Bei flachen Schürfungen kommen neben den Grauwacken und Konglomeratgesteinen aus unserer Gegend auch Sandsteinbrocken zum Vorschein, die von weit her geholt werden mußten. Diese leichter zu behauenden Sandsteine wurden sicherlich an den Ecken, an Türen und Fenstern usw. verarbeitet. Diese Sandsteinquader hat man sicherlich bevorzugt abgefahren. Wo der Wall niedriger ist, könnten also Maueröffnungen vermutet werden.

 

Nach dieser Theorie müßte also die Grundmauer noch in der Mitte der Halde zu finden sein. Die Wallkronen deuten demnach den Verlauf der Kirchenmauer an. Sie lassen auf ein Gebäude von etwa gut 10 Meter Breite und etwa 23 Meter Länge schließen. Ein langgestrecktes Gebäude also. Der Kompaß zeigt an, daß es genau in Ost-Westrichtung angelegt wurde.

Ohne Grabung ist es nicht möglich, weitere Schlüsse auf das Kirchengebäude zu ziehen. Ungeklärt bleiben auch die Schuttwälle zwischen der Kirche und der westlichen Friedhofsmauer. Nach alten Frankenauer Akten sollen im August 1856 zwei 'Ingenieure' auf der Quernst nach einer versunkenen Glocke gegraben haben. Vielleicht erklären sich diese Wälle daraus. Eine etwa drei Meter breite Durchfahrt mitten durch die Kirchenruine wurde sicherlich zum Zwecke der bequemeren Abfuhr der Steine erst später angelegt. Diese Durchteilung hat vielleicht dazu beigetragen, daß der Eindruck von zwei Türmen entstand, von denen immer wieder die Rede ist. Ob die Kirche ein Deckengewölbe hatte, bleibt offen. Fest steht aber, daß das Dach mit Schiefer gedeckt war. überall in den Halden findet man behauene Dachschiefer. In den Löchern stecken zuweilen noch die Schiefernägel. In der Südwestecke der Kirche fand ich auch Tonscherben und Glasschmelze.

 

Innerhalb des Kirchhofs lag die Kirche dezentral in der Nordwestecke. Der Abstand zur Westmauer des Friedhofs beträgt etwa 10 Meter, der zur Südmauer 17 und der zur Ostmauer 18 Meter. Zu der bogenförmig verlaufenden Nordmauer beträgt der größte Abstand 14 Meter.

Natürlich müssen zu dieser Kirche auch Wohnhäuser gehört haben, zumindest ein Pfarrhaus und ein Küsterhaus. Sie könnten außerhalb der Kirchhofsmauer gestanden haben. Da es sich dabei sicherlich um Fachwerkhäuser gehandelt hat, werden wir keine wesentlichen Spuren mehr erwarten können. Zwischen der Friedhofssüdmauer und dem Weg gibt es Geländeunebenheiten, die man als Standorte von Gebäuden ansprechen könnte. Vor der Ostmauer findet man in dem Wurfbogen einer starken Fichte eine deutliche Schicht von gebranntem Hüttenlehm. Hier könnte ein Haus durch Feuer zerstört worden sein.

 

Die Quernstkirche - eine frühchristliche Höhenkirche -

Jedem, der kilometerweit auf einsamen Waldwegen zur Quernst hinaufgestiegen ist, stellt sich die Frage, warum wurde ausgerechnet hier in der Waldeinsamkeit, fern von menschlichen Siedlungen, eine Kirche gebaut?

Auffallend und erstaunlich ist, daß es neben der Quernstkirche, allein in der alten Herrschaft Itter, noch vier weitere Höhenkirchen gab, wie wir noch sehen werden.

 

Frühchristlich, das heißt, man führt die Entstehung dieser Kirche zurück in die Zeit der Christianisierung unserer Gegend. Dabei denkt man an Winfrid Bonifatius, den 'Apostel der Deutschen', der seit 718 das Evangelium in Hessen, Thüringen, Bayern und Friesland predigte. Er kam 722 zum ersten Mal auf die Amöneburg und unternahm in den folgenden Jahren missionarische Vorstöße an die Eder. Hier konnte er Pfingsten eine erste Massentaufe halten und mit der bekannten Fällung der Donareiche bei Geismar (Fritzlar) gelang dem 48 jährigen der symbolische Sieg über die Mächte des Heidentums.

 

Die Missionsarbeit in Hessen begann in engster Verbindung mit der militärischen und politischen Organisation der Franken und unter ihrem ausdrücklichen Schutz. Die fränkischen Kastelle Amöneburg, die Kesterburg (=der Christenberg bei Münchhausen) und der Büraberg (bei Fritzlar) waren die Stützpunkte und Ausgangsorte der Missionsarbeit im Lande. Pfarrer Kolbe schreibt, daß die alte, jetzt aber nur noch in ihren Fundamenten erhaltene Quernstkirche, fünf Wegstunden nördlich der Kesterburg gelegen, gleichfalls die Ehre der Anwesenheit des heiligen Bonifaz für sich in Anspruch nahm. Diese im Quernhorst auf einem heidnischen Totenfeld und Knochenlager erbaute Kirche sei die Mutterkirche von der zu Frankenau, sowie aller Kirchen der 'Grafschaft Ossenbühl' gewesen. Natürlich kann diese Aussage Kolbes nur eine Vermutung sein.

 

Fest steht hingegen, daß schon vor Bonifatius iroschottische Mönche ganz in der Stille im Hessengau und besonders im alten Ittergau missionierend gewirkt hatten. Der irische Wanderbischof Kilian predigte schon in der Merowingerzeit in Ostfranken und wurde im Jahre 689 mit noch zwei Gefährten hingerichtet. Der heilig gesprochene Märtyrer wurde zum Schutzpatron vieler Kirchen, z.B. in Korbach und Usseln.

 

In der angelsächsischen Kirche gab es auch Anhänger der arianischen Lehre. Diese verneint die Wesensgleichheit Christi mit Gott dem Vater. Diese Lehre soll bei den germanischen Volksstämmen weit verbreitet gewesen sein. Ein bedeutender Bischof der Arianer war Quirinius, der bereits 269 als Märtyrer starb. Nach ihm sei die Quernstkirche von angelsächsischen Missionaren benannt worden, die hier eine christlich arianische Gemeinde gegründet hätten. Durch Bonifatius seien diese Gemeinden römisch katholisch und dem Papst unterstellt worden.

 

Die Deutung Quernst als 'Quirinushorst' ist sehr überzeugend, doch ist später der heilige Thomas (Gedächtnistag 21. Dezember) eindeutig als Kirchenpatron der Quernstkirche nachgewiesen.

 

Das germanische Stammwort 'Horst' bezeichnet ein Gehölz, eine Gruppe von Bäumen. Die Baumgruppe könnte auch ein heiliger Hain gewesen sein!

Wir wissen, daß unsere heidnischen Vorväter ihre Götter im Walde, unter einzelnen Bäumen und in heiligen Hainen verehrten. In der feierlichen Stille und im Rauschen des Waldes erlebten sie die Gegenwart ihrer Götter. Hier brachten sie ihnen ihre Opfer dar, hier bestatteten sie ihre Toten und hier versammelten sie sich zum Gericht. Mit größter Hingabe hingen sie an diesen alten vertrauten Kultstätten.

 

Das war den christlichen Missionaren natürlich nicht unbekannt. Hier mußten sie den Hebel ansetzen: Dem Volk die vertrauten Heiligtümer lassen und ihre Götter gegen den Christengott austauschen! Die Quernst muß eine solche heidnische Kultstätte gewesen sein, an deren Stelle eine Kirche entstand, nachdem sich der christliche Glaube durchgesetzt hatte. Schon Bonifatius begründete eine straffe Kirchenorganisation. So gehörte die Quernstkirche, wie auch die zu Vöhl, Lotheim und Geismar neben anderen, zum Dekanat Christenberg. Dieses unterstand dem Archidiakonat St. Stephan zu Mainz, und dessen Probst wiederum dem mächtigen Erzbischof von Mainz.

 

Weitere Höhenkirchen im alten Amt Vöhl

Neben der Quernstkirche gab es im Mittelalter auf dem Gebiet des späteren Amtes Vöhl noch vier weitere Höhenkirchen, die vermutlich aus ähnlichen Gründen wie die Quernstkirche auf einsamer Bergeshöhe entstanden, und wie diese spätestens nach der Reformation oder schon früher wüst wurden. Während die Quernstkirche durch etliche alte Urkunden belegt ist, gibt es über diese nur spärliche Nachrichten. Bevor wir uns weiter mit der Quernstkirche befassen, wollen wir diese der Vollständigkeit halber nicht unberücksichtigt lassen.

 

Von der Forstenkirche (auch Fürstenkirche) ist eine, der Quernstkirche vergleichbare Ruine sichtbar geblieben. Sie liegt östlich von Fürstenberg an dem alten Fußweg nach Herzhausen, etwa 200 Meter nordöstlich von dem Hof Schellteich, auf der alten Landesgrenze zwischen Waldeck und Hessen-Darmstadt. Sie war ein wichtiger Grenzpunkt und fehlt als solcher in keiner Grenzbeschreibung der Herrschaft Itter. Im Salbuch von 1587 wird sie 'Fürstenkirche' genannt.

 

Bei dieser Kirche lag das ebenfalls wüst gewordene Dorf Fürstenhagen, dessen Bewohner wahrscheinlich in die sicheren Mauern der Stadt Fürstenberg übersiedelten. Damit wurde vermutlich auch die Kirche dem Verfall preisgegeben.

 

Dorf und Kirche werden um das Jahr 1240 urkundlich erwähnt. Bei der Kirche zu Fürstenhagen (in Forstinhagen iuxta ecclesiam) wird ein Kaufvertrag des Klosters Haina vor Zeugen aus Herzhausen, Harbshausen und Lotheim von dem edlen Reinhard von Itter besiegelt.

 

Auf der Höhe zwischen Marienhagen und Vöhl stand in alter Zeit die Frankenkirche. Schon der Name deutet auf eine vor- oder frühmittelalterliche Entstehung dieser Kirche hin. Auf dem Hügel einer Feldholzinsel findet man ein trichterförmiges Loch, welches als der Standort des Kirchturmes angesehen wird. Auch bei dieser Kirche sind Verstorbene bestattet worden, denn im Volksmund heißt die Umgebung bis zum heutigen Tag 'ahler Kerkhof' (alter Kirchhof,). Südlich des Kirchhügels fällt ein kleiner Steinwall auf. War dieser eine Friedhofsmauer oder sind es nur aufgeschüttete Feldlesesteine?

 

Von der Frankenkirche erzählt man sich noch die Sage von der im nahen 'Glockenborn' versunkenen Glocke.

 

(Nachzulesen in dem Beitrag von Karl Weisheit, Marienhagen, 'Unsere Trinkwasserversorgung' in 'Unsere Heimat Nr 12').

 

Nach Hochhut trat die Kapelle zu Marienhagen an die Stelle der Frankenkirche.

 

Während man diese beiden genannten Kirchen als frühchristliche Höhenkirchen ansprechen muß, sind die noch zu besprechenden Kirchen wohl eher Kapellen gewesen, wahrscheinlich kleinere Gebetskapellen, die besonders bei Prozessionen aufgesucht wurden.

 

Über die 'alte Kirche' auf der Höhe zwischen Schmittlotheim und der Keseburg hatte ich schon in Nr. 2 von 'unsere Heimat' ausführlich geschrieben. An dieser Stelle möchte ich deshalb nur den Befundbericht des Hessensteiner Rentmeisters Murhard vom 4. 12. 1724 wiederholen. Derselbe war zur Erforschung des Sachverhaltes vom Landgrafen aufgefordert worden, nachdem dieser auf einer Jagd in Wolkersdorf von den 'rudera' (Überresten) dieser alten Kapelle erfahren hatte. Er schreibt:

 

"...Da wir dann zuerst ein alt zerfallen Mauerwerk gefunden, so zwei Schuhe tief in der Erde Fundament gehabt, 24 Schuhe in der Länge gehalten und 21 Schuhe in der Breite (Anm.:Das Gemäuer war demnach nur etwa 7,20x6,30 Meter und nur 60 Zentimeter hoch.) Und ob man zwar vorhatte, einig Münzen oder Medaillen zu finden, so ist doch alles Suchens vergebens gewesen ...."

Nach Pfarrer Neumann, der über diese Kapelle ebenfalls um das Jahr 1724 berichtet, war sie das Ziel von Prozessionen. Warum sie gerade hier stand? Ich vermute, daß sie einen Bezug zu der etwa 500 Meter entfernten Keseburg hatte und zu der noch näher gelegenen Siedlung 'Alenstaat' (=alte Stadt), die auf einer Terrasse vor der Burg lag (ein sog. suburbium) und wie diese wüst wurde. (1277).

 

Auch die 'alte Kirche' zerfiel bald nach der Reformation und weil sie vermutlich ein Fachwerkbau war, ist von ihr nichts übrig geblieben.

Östlich von Schmittlotheim, hinter der 480 Meter hohen 'Bracht, zieht ein schmales Wiesental zum Bärenbach hin. Der obere Bereich dieses Tales heißt noch heute 'die Sigolskirche'. Der Volksmund hat daraus fälschlich 'Ziegelskirche' gemacht, doch die erstgenannte Schreibweise ist aus Salbüchern und Amtsrechnungen eindeutig überliefert. Vielleicht wäre die Herleitung von dem alten Vornamen Siegold noch richtiger, wie Pfarrer Bingmann andeutet.

 

Er schreibt 1864 in der Kirchlotheimer Kirchenchronik:

„Östlich von Schmittlotheim befindet sich auf der Höhe im Wald, in der Nähe von Mariental und den Plätzen ein freier Platz mit Mauerresten eines zerfallenen Gebäudes, die 'Siegelskirche' genannt, in deren Nähe etlichen Leuten der Boden erschienen ist, als wäre er früher vom Pflug durchfurcht worden. Ernstliche Nachforschungen durch Altertumsforscher sind bis dahin noch keine gemacht worden."

 

Die oberen Wiesen bei der Siegelskirche gehörten schon 1575 nach Schmittlotheim, zuletzt 'Steins' und 'Basels' heute sind sie ausgetauscht und gehören dem Forstfiskus. Die von Bingmann genannten Mauerreste sind heute nicht mehr sicher zu orten. Die Kirche stand vermutlich oberhalb des Hauptweges im Distrikt 273. Auch dieses, zwar Kirche genanntes, Gebäude dürfte wohl eher eine Kapelle gewesen sein, von dessen Fachwerk mit geringem Steinfundament nichts übrig geblieben ist.

 

Der Weg von Schmittlotheim führte vielleicht an einem Marienbild vorbei. Das wäre eine Erklärung für den Flurnamen 'Mariental'.

 

Die Siegelskirche lag übrigens auch an dem geraden Wege von der Siedlung 'Eselbach' zur Quernstkirche, zu der sicherlich eine Beziehung bestand. Der Ort Eselbach lag nicht im Elsbachtal, wie man vermuten könnte, sondern auf der Höhe zum 'Huhnsbach' hin, im Distrikt 317, wo es heute noch 'an der Baustätte' heißt. Die vierzehn Lehengüter dieser Siedlung waren aber 1359

bereits wüst.

 

Alle in der dritten Siedlungsperiode im sogenannten 'Hochgewälde' entstandenen Rodungssiedlungen haben nicht lange bestanden. Der karge Boden und das in dieser Höhenlage zu rauhe Klima lohnten den Ackerbau nicht. Wie 'Eselbach' wurden auch die Siedlungen 'Eschebruch', 'Wellenhausen','Dennighausen' und'Banfe' bald wüst. Ihre Ackerflure wurden zu Hutungen und schließlich zu Trieschern.

 

Die Quernstkirche ist älter als diese Siedlungen und nicht von diesen und nicht für diese erbaut worden, aber es war natürlich auch ihr Gotteshaus.

 

Die Quernstkirche in alten Urkunden

Durch die Entstehung der Klöster und dem Bestreben der Mönche, ihre Erwerbungen durch besiegelte Niederschriften zu sichern, haben wir in Form von Urkunden eine verläßliche Nachrichtenquelle. Im Falle der Quernstkirche sind es die im Hessischen Staatsarchiv Marburg verwahrten Urkunden der Klöster Haina und Berich. Natürlich sind diese Urkunden nur wenige Mosaiksteinchen, aus denen 'man noch lange kein klares Bild aus jenen fernen Tagen zusammenpusseln kann.

 

1.)Datum 18. Dez: 1236. Inhalt: Der Probst Konrad zu St. Stephan zu Mainz bekundet, daß das Kloster Berich von der Kirche in Quernhorst den Ort Banfe gegen zwei Hufen in Eldinghausen eingetauscht hat. Anm.: Bei dem Ort Banfe handelt es sich um einen oder zwei Höfe im unteren Bereich des Banfebaches. Bereits um das Jahr 1470 lag dieser Hof fast ganz wüst. 1268 gibt es dort einen Hofmeister des Klosters Berich. In Verbindung mit dem Bleibergwerk wurde später an dieser Stelle ein Pochwerk und eine Glashütte betrieben (um 1588). Die in der Urkunde genannten Hufengüter zu Eldinghausen lagen in der heute Frankenauer Feldmark am Wege zum Mengershof vor dem Walde. Der Flurname bezieht sich noch heute auf den um das Jahr 1492 wüst gewordenen Ort.

 

2.)Datum 22. Juli 1265. Der Pleban (Pfarrer) Heinrich von Quernhorst (Quirn=) ist Zeuge bei einem Tauschvertrag des Klosters Haina, der zu Altenlotheim besiegelt wird.

 

3.)Datum B. April 1310.Inhalt: Ein Konrad von Lynne verzichtet zugunsten des Klosters Berich auf seine Ansprüche an die Fischerei zu Mandern. Unter den Zeugen ist ein Presbyter (=Kirchenältester oder auch Priester) Johannes in Quernhorst genannt.

 

4.)Datum 25. April 1330. Inhalt: Heinrich von Quernhorst ( hast) nebst Ehefrau Gerbord und den Söhnen Heinrich, Johann, Hermann und Tilmann verkauft zusammen mit Heinrich von Viermünden Güter in der Wüstung Elberod bei Löhlbach an das Kloster Haina. Anm.: Dieser Heinrich von Quernhorst muß ein bei der Quernstkirche wohnender Bürger gewesen sein, weil er mit Frau und Kindern genannt wird. Vor einigen Jahren meldete sich bei mir ein Familienforscher vom Niederrhein mit dem Familiennamen Quernhorst, der hier die Heimat seiner Ahnen vermutete.

 

5.)Datum 15. März 1332. Inhalt: Der Ritter Volpert von Hohenfels, ein Verwandter der Vögte von Keseberg, verkauft dem Kloster Haina Güter zu Elberode (s. vorige Urkunde), die er vom Pfarrer und dem Kirchenvorstand zu Quernhorst erkauft und eingetauscht hatte.

 

6.) Datum 22. Mai 1479. Inhalt, soweit er die Quernst betrifft: Diese Urkunde enthält einen Rechtsentscheid des Landgrafen Heinrich von Hessen in einem Streit zwischen dem Abt Johann von Haina und dem Pfandinhaber der Herrschaft zu Itter, Tiele Wolf von Gudenberg. Diese lagen im Streit wegen der Jagd im Hochgewelde und Tiele hatte dem Abt ein Pferd und 'Wildseile' (vermutlich Netze) weggenommen, und zwar an der Hecke am Geismarsberge, zwischen Quernhorst und dem Bodenscheid gelegen. Anm.: Gegen die Ansprüche der Herrn von Itter hatte sich das Kloster Haina schon am 4. April 1359 in einem Weistum abzusichern versucht. Angesehene alte Leute hatten die alten Rechte der Klosters Haina zu Protokoll gegeben. Darin nennen die Männer von Altenlotheim den halben Eselbach und die Banfe bis zur Gemarkung Quernhorst als dem Kloster gehörig.

 

1332 hatte sich der edle Tilemann von Itter aber noch das Gerichtsrecht über das Dorf Eschebruch, welches in diesem Bezirk lag, ausdrücklich vorbehalten. Es wurde aber bald wüst.

 

7.)Datum 28. April 1495. Inhalt: Widekind von Hohenfels präsentiert den Geistlichen Johannes Strode für die Kirche zu Quernhorst dem Probst des St. Stephansstiftes zu Mainz. Anm.: Die von Hohenfels hatten das Erbe der Vögte von Keseberg angetreten, denen die Quernst gerichtlich zugehörte. Als Gerichtsherrn wird ihnen auch das Präsentationsrecht (das Recht, den Pfarrer, vorzuschlagen) zugestanden haben. Wahrscheinlich war Johannes Strode der letzte Pfarrer in der Quernstkirche.

 

8.)Nach einem Urkundenverzeichnis des Johanniterordens zu Wiesenfeld stand diesem 1510 aus der Pfarrei Quernhorst (Querners) ein Jahreszins von einem Goldgulden zu. Hierüber gibt ihnen der Pfarrer von Frankenau, Johann Sichel, einen schriftlichen Revers. An der gleichen Stelle finden wir bei den 'Kirchen, die das Haus Wiesenfeld mit eigenen Angehörigen oder mit anderen Geistlichen besetzt', die Pfarrei Quernhorst (Qwermoß) benannt. (Schunder Urk. Nr. 1257).

 

Reformation in Hessen 1527 - Die Quernstkirche wird wüst -

Vermutlich brachte die Einführung der Reformation in Hessen durch Landgraf Philipp der Quernstkirche das endgültige Aus. Es ist überhaupt erstaunlich, daß sie sich, ohne eine größere Gemeinde um sich zu haben, so lange auf der einsamen Höhe halten konnte und nicht schon längst, wie die Forsten- und die Frankenkirche, aufgegeben und in die zugehörige Siedlung verlegt wurde.

 

Denn Frankenau war schon längst von der Quernstkirche ausgepfarrt worden. Bereits am 5. Juli 1319 wird dort ein Priester namens Reinhard genannt. Dessen Schwestersohn Reinhard Kreling ist 1359 Priester in Frankenau.

Um diese Zeit waren auch die oben genannten Siedlungen im Hochgewelde, die zur Quernstkirche gehörten, nach relativ kurzer Zeit ihres Bestehens wieder wüst geworden.

 

Frebershausen mag ursprünglich zur Quernstkirche gehört haben, wohin es auch im Mittelalter seine Toten bestattete. Doch bereits 1448 gehört es urkundlich nachweisbar als Filial zu Hüddingen.

 

Zur Parochie (Kirchengemeinde) der Quernstkirche verblieb also nur das Dorf Altenlotheim! Und dies hatte (nach Pfarrer Neumann) schon im Papsttum, also vor der Reformation, eine eigene Kirche, oder zumindest eine Kapelle.

Nach der Überlieferung, die auch durch den Kirchlotheimer Pfarrer Neumann um 1720 bestätigt wird, haben die Dörfer Altenlotheim, Frebershausen, Gellershausen, Bringhausen (in Waldeck), Asel und Frankenau ihre Toten zur Quernst bestattet. Die Überlieferung findet auch in alten Flurnamen ihre Deutung. (s.unten)

 

Wallfahrtsort oder Ablaßort?

Nach der Überlieferung und auch nach dem waldeckischen Sagenbuch von Marie Schmalz war die Quernstkirche eine berühmte Wallfahrtskirche, die im Mittelalter viele Pilger angezogen habe, zumal mit dem Besuch ein Ablaß verbunden gewesen sei. Das läßt sich jedoch nicht belegen, denn die Urkunden sprechen nur immer von dem 'plebanus', also einem Leutpriester oder Pfarrer zu Quernhorst.

 

Der von Vöhl stammende Walter Kloppenburg ordnet die Quernstkirche in seinen 'Beiträgen zur waldeckischen Kirchen und Klostergeschichte' als Ablaßort ein. Ein Ort also, an dem man sich im Papsttum durch Geld von zeitlichen Sündenstrafen loskaufen konnte. Vielleicht wurde dieser Ablaß besonders bei dem großen Jahrmarkt angeboten, zu dem am Kreuztag (3. Mai) viele Menschen zur Quernstkirche kamen (s. unten).

 

Wenn auch die Kirchengemeinde zusammengeschrumpft war, so mag die Bedeutung der Quernstkirche als Begräbnisplatz, Ablaßort und Zielort von Prozessionen, sowie der Jahrmarkt dazu beigetragen haben, daß sie sich bis zur Reformation halten konnte.

 

Auch die Besoldung des Pfarrers war gesichert. So gehörte zur Kirche ein Ackergut, welches später mit zwölf Äcker angegeben wird. Von weiteren Äckern der Kirche zog er den Zehnten von den Pächtern ein. Auch Wald gehörte zur Kirche. Bedeutend waren auch die Accidentien, die Gebühren, die der Pfarrer für kirchliche Amtshandlungen erhielt.

 

Die Pfarrei nach Frankenau gezogen

Daß die Quernstkirche 1528 nicht mehr benutzt wurde, erfahren wir aus einem Klagebrief der Pfandinhaber der Herrschaft Itter, Georg und Tile Wolff von Gudenberg zu Lauterbach an den Rentmeister Henner Riedesel, Erbmarschall und Statthalter des Landgrafen Philipp von Hessen, den sie als ihren 'lieben Oheim' bezeichnen.

 

Der Brief ist gegeben in der Woche nach Bartholomei (24.8.)1528. Die Wolffe klagen darin gegen den Pfarrer von Frankenau, der sie beschuldigt hatte, sie hätten ihm Unrecht getan an der Pfarre zu Frankenau, in welche die Quernst und Lotheim gehöre.

 

Solcher Behauptung widersprechen die Wolffe entschieden und sagen ihrerseits, die Quernst (Quernaist) sei eine eigenständige Pfarre und läge in der Herrschaft Itter. Sie sei von einem Herrn von Itter zur Ehre des heiligen Thomas gestiftet worden. Von selbigen Herrn und vielen frommen Leuten sei diese Kirche mit Gütern gesegnet und brieflich bestätigt, um den Bau in der Ehre St. Thomas zu behalten.

 

Daß sie, die Wolffe von Gudenberg, rechtmäßige Inhaber der Herrschaft Itter mit allem Hergebrachten seien, also auch der Quernhorst Stiftung, dessen sei auch sein Bruder Tile Zeuge.

 

Nun wolle sich aber der Pfarrer von Frankenau unterstehen, sich der bei die Kirche gegebenen Güter zu gebrauchen und diese auch zu seiner Pfarre zu ziehen. Die Wolffe meinen, daß solches nicht billig sei und sie bitten darum, den Schultheißen zu Frankenau zu veranlassen, dem 'Pfaffen' zu befehlen, sich des Zehnten zu Quernhorst zu enthalten, der ihm doch nicht gehöre, sondern 'in unsere Obrigkeit geziemt und gebührt'. Unterschrieben und gesiegelt von Gorgen Wolff von Gudenberg, Herr zu Itter.

 

Dieser Brief liegt bei den Aktenfragmenten (fragmenta actorum) des Hofgerichts, Akten von offensichtlich nicht abgeschlossenen Prozessen. Die Klage der Wolffe scheint auch nichts bewirkt zu haben, denn Altenlotheim blieb bei Frankenau (bis 1665, siehe weiter unten) und der Frankenauer Pfarrer behielt die Güter und Gefälle der Quernstkirche. Aus einem alten Rechnungsbuch der Frankenauer Kirche (1533-1576) geht hervor, daß der dortige Pfarrer die Äcker und Wiesen der Quernhorster Kirche verpachtete. Der Einnahmeposten ist überschrieben:"Inname stendiges Geld Zins Sankt Thomas zu Quernhorst."

 

Auch der Frankenauer Pfarrer Klingelhöfer (1825-1832 nennt noch diese Einnahme aus diesen Gütern, die aber schon über 200 Jahre wüst und unbestellt lägen und aus denen er nichts bekäme.

 

Die wüsten Ackergüter wurden zu Trieschern und wurden nur noch als Huten genutzt. Das Quernhorster Triesch zu hüten und dort Moos als Streu zu hacken, sah die Stadt Frankenau im vorigen Jahrhundert als ein ihnen zustehendes altes Recht an und führte mit den Forstfiskus, der dieser Auffassung widersprach, einer etwa vierzig Jahre währenden Prozeß, den sie im Jahre 1884 endlich verlor.

 

Die Frankenauer Kirche hätte hingegen einen Anspruch erheben und vielleicht auch gerichtlich durchsetzen können. Aber der Kirchlotheimer Pfarrer Neumann schreibt 1724 bezüglich der zur Quernstkirche gehöriger Güter:

 

"Diese Kirche hat große Einkommen gehabt und dazu der Quernstforst gehöret, auch ein Stück davon entfernt, der 'Hühnerbusch', item (ebenso) der 'Pfaffenwald' und der 'Pfaffengrund' dem Pfarrer von Frankenau und Altenlotheim in specie (insbesondere) zugehörig gewesen, nunmehro aber alles säkularisiert (vom Staat eingezogen) u. hat ein Pfarrer zu Altenlotheim nur noch zwei Klafter Holz zu genießen."

 

Glocken gestohlen

Auf die Anschuldigungen des Frankenauer Pfarrers gehen die Wolffe in ihrer Klageschrift nicht ein. Es dürfte sich hierbei um den Vorwurf handeln, daß sie die Glocken der Quernstkirche weggenommen hatten. Darüber berichtet der Kirchlotheimer Chronist Pfarrer Bingmann, der noch das alte Salbuch des ersten evangelischen Pfarrers zu Kirchlotheim, Johannes Rau, aus dem Jahre 1557 gekannt hatte und welches später leider verloren gegangen ist: Die Junker Wolff von Gudenberg hätten die beiden Glocken der Quernstkirche und die große Glocke zu Altenlotheim gestohlen und zu Lauterbach eingeschmolzen und Kanonenrohre daraus gießen lassen. Landgraf Wilhelm habe befohlen, dieselben wieder zu beschaffen, aber es sei dabei geblieben.

 

Auch die große Glocke in Kirchlotheim hätten die Junker wegnehmen lassen. Von den beiden kleinen Glocken, die man nur in Kriegszeiten gebraucht hätte, kam eine nach Harbshausen, die andere nach Herzhausen, nachdem man zwei größere neue habe gießen lassen. (Pf. Neumann 1724).

 

Die Altenlotheimer Pfarre kommt zu Kirchlotheim

Nachdem die Herrschaft Itter seit 1604 zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt strittig war und 1648 an Hessen-Darmstadt fiel, verlief zwischen Altenlotheim und Frankenau die Landesgrenze. Ein Zustand, der zu Streitigkeiten führen mußte.

 

Nachdem der Frankenauer Pfarrer Huttenius 1665 gestorben war, predigte während der Vakanz dort und in Altenlotheim der Viermündener Pfarrer Staude. Der in Vöhl residierende Hessen-Darmstädtische Landgraf Georg III wollte, daß während der Vakanz hessen-darmstädtische Pfarrer in Altenlotheim predigen sollten, damit 'die Altenlotheimer ja nichts versäumten'.

 

Die hessen-kasselschen Pfarrer wehrten sich aber dagegen und schlossen dem Kirchlotheimer Pfarrer die Kirche zu. Darüber erboste sich der Landgraf sehr und ruhte nicht eher, als bis Altenlotheim zu Kirchlotheim kam.

Seit 1665 ist Altenlotheim als eigenständiges Kirchspiel mit Kirchlotheim vereinigt, von dessen Pfarrern es auch bedient wird.

 

Die Bestallung des Pfarrers sei aber ganz bei Frankenau geblieben. Es hätte diese zwar aus dem benachbarten Kirchenkasten ersetzt werden sollen, nämlich zwei Mütt Korn u. zwei Mütt Hafer, zwei Gulden an Geld und zwei Gänse, doch seien dies die Frankenauer bis 1724 fast immer schuldig geblieben, schreibt Pfr. Neumann.


Die Quernst - Heute

 

Im Jahr 2006 war es endlich soweit: Die neue Kapelle auf der Quernst wurde nach langem Planen gebaut. Verantwortlich hierfür war Herr Diplom - Ingenieur Manfred Quehl. So entstand mitten im Nationalpark ein Ort der Begegnung für Mensch und Natur. Der Frankenauer Pfarrer zeigte sich von seiner ersten Andacht begeistert und segnete diesen Ort. Bis zu viermal im Jahr werden hier Gottesdienste abgehalten, ansonsten ist es ein besonderes Ausflugsziel für jung und alt. Ein Traum wurde Wirklichkeit.

 

 

Quernstweg und Dreiherrensteinroute